Konzept KÄIF

Idee

Die szenografische Intention, welche hinter dem Urban Gardening Projektes KÄIF (türk. keyf: genießen) steht, beruht auf dem Vorhaben der Gestaltung des nördlichen Stadtraums in Dortmund, bei welcher die Einwohner dieser Region motiviert werden sollen, bei einem Projekt zur Begrünung und Kultivierung bestimmter Flächen mitzuwirken.

Hierbei soll nicht nur die szenografische Gestaltung im Vordergrund stehen, sondern auch das reelle Interventionsprojekt in der Nordstadt. KÄIF soll die Möglichkeiten der Rückführung natürlicher Produkte aus landwirtschaftlichem und gärtnerischem Anbau in die innerstädtische Region der Dortmunder Nordstadt aufzeigen und hier bezüglich einer nachhaltigen Lebensweise wegweisend wirken. Zudem soll durch das Projekt eine Art der Begegnungsstätte für alle Ortsansässigen und ihre Besucher entstehen, welche letztendlich auch zur Verschönerung des gesamten Gebietes beiträgt.

Partner und Mitspieler

Als Partner und Mitwirkende empfehlen sich damit

  • die wilden Gärtner
  • die Anwohner der als Zentrum der Aktion ausgesuchten Brache an der Burgholz- und Eisenstraße
  • Lehrer und Schüler der Anne Frank Gesamtschule in unmittelbarer Nähe, zu welcher Kontakt bereits besteht,
  • eventuell Lehrer und Schüler weiterer Schulen im Umkreis, so beispielsweise eine Grundschule weiter südlicher gelegen, aber durchaus im Rahmen des geplanten "Projekt-Parcours" (siehe unten) geografisch einbindbar.
  • Ebenfalls bringen sich Studenten und Lehrende des FB Design der FH Dortmund als Partner im Viertel selbst ein, vertreten im Projekt-Büro Bornstraße 147 (Bude 147).
  • Sodann als Institution die FH Dortmund, welche mit dem Fachbereich Design an der Lindemannstraße / MOP (Ausgangspunkt für das Projektteam KÄIF vor Ort) die Achse Burgholzstraße – Bornstraße bis in den Süden der Stadt erweitert
  • Weitere institutionelle Partner sind die FH insgesamt, vertreten vom Rektorat der Hochschule
  • in diesem Kontext das von der FH Dortmund initiierte "Nordstadtprojekt", dessen 'Designseite' eng mit unserem Projekt verknüpft ist (Beispielsweise in Gestalt der Bude 147)
  • die Stadt Dortmund, vertreten durch den Bürgermeister
  • die Wirtschaftsförderung Dortmund.

Interventionsmittelpunkt

Das Hauptaugenmerk des Urban Gardening Projekts KÄIF liegt auf dem einem Schrebergarten ähnelnden Stadtgebiet an der Burgholzstraße/Eisenstraße im Norden Dortmunds.
Inmitten des Wohnbereiches und Stadtverkehrs befindet sich ein wildes, mit Gehölzen, Sträuchern und Halbsträuchern sowie Bäumen bewachsenes Areal, welches auch nicht bewachsene, brach liegende Abschnitte aufweist, die an einen agrarwirtschaftlichen Feld- und Ackerbau erinnern.
Diese Region wird von den Bewohnern der Gegend teilweise bewirtschaftet. Das Areal wird von Hecken und Zäunen umschlossen, welche sich außerdem auch durch das Gelände ziehen und dieses teilen. Die Bewohner des Stadtviertels wurden hier zu wilden Gärtnern, das Gelände zählt zum Eigentum der Stadt Dortmund.

Szenografische Aufgabe

Die Gestaltung und Umsetzung einer szenografischen Idee muss hier vor Allem auf kreativem und flexiblem Wege erfolgen. Verschiedene Objekte sollen auf nutzbarem Raum angeordnet werden, so dass sich ein Gesamtbild im Sinne einer zeitweise bestehenden Kreation, welche sich mit stetigen Elementen vermischt, bildet.
Eine Mitwirkung der Szenografen ist hier vornehmlich im Hintergrund erwünscht. Sie sollten im Idealfall als „Ideengeber“ fungieren, also richtungsweisend, um am Ende zu erreichen, dass die Einwohner des Stadtteils sich nicht nur mit dem Projekt identifizieren, sondern sich selbst als ein Teil der wirkenden Gemeinschaft erkennen.

Anreiz

Um das Interesse der Einwohner für das Projekt zu wecken, soll ein Impuls gesetzt werden. Darum ist es weniger sinnvoll, die Intervention direkt an den wilden Gärten oder sogar nur dort zu starten. Das Bestreben ist schließlich, die Neugier der Bewohner des Viertels zu wecken und Aufmerksamkeit zu erregen.
Aufgrund dessen werden neben den einzelnen Standorten  Anne Frank Gesamtschule, Nordstadtgalerie (Bornstraße 142) und FH Dortmund (Max-Ophüls-Platz 2), noch weitere Zentren in die Peripherie des Projektes mit eingebunden. Eine Verbindung zwischen den Plätzen soll durch einen szenografischen Parcours entstehen.
Der Aktionsverlauf zieht sich von der Peripherie bis hin zum Mittelpunkt über die Verkehrswege.
Das szenografische Aktionsfeld wird durch den Parcours bestimmt. Ein Verkehrsweg von der Bornstraße 142 (Standort FB Design), welcher zu den wilden Gärten führt, fungiert als Gestaltungsfeld für den Impuls der Inszenierung.

Exposee und Konzeption von KÄIF

Es ist hier der Leitgedanke, den bedachten, weniger offensiven Charakter der Intervention darzustellen, ohne vorherige Erklärungen und Ankündigungen. Hier sollen lediglich Materialien und Gerätschaften, also „Spielzeug“ zur Verfügung gestellt werden. Aus den zur Verfügung gestellten Dingen muss allerdings die Art des Gebrauches sowie der Sinn der Nutzung ersichtlich sein. Nur so wird die Idee des gesamten Projektes für alle Beteiligten erkennbar.
Dieser ist die Annäherung und Interaktion von Nachbarn bei einer gemeinsamen Beschäftigung durch eine Art der Entschleunigung des Großstadtbetriebes. Die Szenografen „spielen“ hier selbst mit, indem sie mit den vorhandenen Materialien agieren. Zielgerichtet muss sich hier der Verlauf des Ganzen von innen nach außen ziehen.
Das Motto des Projekts lautet: KÄIF– genießen, also eine Art „Herumsitzen in unserem Stadteil.“ Dies bezieht sich sowohl auf den wörtlichen, als auch auf den übertragenen Sinn. Sitzgelegenheiten an Straßen kommen im Normalfall nur auf institutionalisierte Weise vor, wie in Lounges oder Restaurants.
Ähnlich verhält es sich mit dem Vorhaben, Gemüse auf Ackerland zwischen Institutionen wie Schulen und Geschäften wie Kfz-Niederlassungen und Getränkehandel zu pflanzen. Der Parcours soll also mit Sitzgelegenheiten bestückt werden.
Einen weiteren Grund für dieses Vorhaben stellt die Arbeit der Szenografen dar, welche hier ihre Intervention zeigen wollen.
Zu einem ähnlichen Zweck hat raumlabor berlin teilweise in Zusammenarbeit mit osa einige Jahre zuvor ein Möbelstück in Form eines Mixes aus Stuhl und Sessel kreiert. Aufgrund der Bauweise ist es möglich, die einzelnen Sitzmöbel zu Reihen zusammen zu schrauben und zu stecken.
Ein „Remake“ des eigentlichen Produktionsworkshops, durchgeführt von Oliver Langbein (mittlerweile Szenografie-Professor an unserem Fachbereich) und Axel Tim (raumlabor berlin und zuvor auch Vertretungsprofessor für Szenografie am MOP), fand im Zuge des letzten Szenografie Symposiums 2011 statt.
Daraus resultierten nicht nur eine Menge der beschriebenen Stuhlsessel, sondern auch die Konstruktion der Theaterbestuhlung im Garten des Fachbereichs Design.
Heiner Wilharm brachte Fotos der Inszenierung im letzten Quartal des Jahres 2011 als eine Art Logo für das Szenografie und Kommunikationsstudium in Dortmund in Umlauf. Diverse Institutionen gebrauchten dieses Icon bereits häufiger, daher sollten die „Stühle von MOP“ auch nicht gänzlich unbekannt erscheinen und stehen für eine inszenatorische Intervention im öffentlichen Raum im Kontext des Szenografie-Angebots des Fachbereichs Design.

Gestaltung des Parcours

Im Rahmen des Urban Gardening Projektes dient der sedia veneziana-Stuhl als Vorbild. Der KÄIF-Stuhl ähnelt dem sedia veneziana-Stuhl, allerdings ist der KÄIF-Stuhl speziell auf das Urban Gardening Projekt abgestimmt.
Wie der sedia veneziana-Stuhl ist der KÄIF-Stuhl als Sitzmöbel konzipiert, besitzt jedoch zwei Anbaukisten. Diese Kisten sind mit Erde und Samen befüllt. Es wachsen also nach einer bestimmten Zeit Pflanzen aus dem Stuhl. Dies unterstützt die Thematik des Urban Gardening. Vorerst als mysteriöse Installation soll der Stuhl auf der Achse Bornstraße platziert werden. Die Stühle sollen letztendlich zum Gebrauch auffordern, ohne, dass tatsächliche Anweisungen gegeben werden. Der KÄIF-Stuhl soll also benutzt werden, zum Sitzen, zum Entspannen, zum Beisammensein mit anderen Menschen. In diesem Fall wird dies mit in dem Wort KÄIF, abgeleitet von dem türkischen Verb „keyf“ - genießen, zusammengefasst. Die gesamte Aktion wird von uns ausschließlich dokumentierend begleitet. Ein Mitspielen erfolgt dort, wo wir uns niederlassen, also an der Bornstraße und an den wilden Gärten.

Bespielung des Parcours

Die Bespielung soll stetig, jedoch in einem angemessenen, langsameren Tempo erfolgen. Im ersten Schritt werden die gewählten Hotspots markiert. Dies erfolgt durch den Schatten des KÄIF-Stuhls. Geplant ist, anschließend täglich jeweils einen einzelnen Stuhl auf einem der Hotspots zu platzieren. So finden sich mit der Zeit immer mehr Stühle, aus welchen schließlich noch Pflanzen wachsen, auf dem Parcours. Gebaut werden die KÄIF-Stühle bei den Kooperationspartnern sowie in der Nordstadtgalerie. Weitere Stühle sollen in den wilden Gärten platziert werden. Hier können dann Patenschaften für Stühle übernommen werden, um diese nach eigenen Wünschen zu bepflanzen.

Zusätzlich werden alle KÄIF-Stühle mit römischen Ziffern versehen, bevor sie auf den vorgesehen Hotspots in der Nordstadt platziert werden. Diese Markierung soll die Möglichkeit geben, die einzelnen Stühle zu erkennen und sie gegebenenfalls bei einer Entwendung oder „Umplatzierung“ wiederzufinden. Durch eine Kennzeichnung der KÄIF-Stühle kann dokumentiert werden, ob Stühle von ihrem ursprünglichen Standort entfernt und an anderer Stelle wieder aufgestellt wurden.

KÄIFman : Held und Antiheld – Grundidee und Umsetzung

Auf dem nun festgelegten Feld der Intervention soll die Geschichte eines Superhelden erzählt werden. Der KÄIFfman besucht die Nordstadt, um ihre Bewohner zu motivieren, sozial zu interagieren. Dies erreicht er durch die Aufstelllung der KÄIF-Stühle sowie durch das Angebot von gemeinschaftlichem Obst- und Gemüseanbau in den wilden Gärten.
Bekanntlich hat jeder Held auch einen Widersacher, also einen Gegenspieler, welcher versucht, das Projekt zu sabotieren. Die Geschichte erzählt, wie Stühle „durch den Antihelden auf geheimnisvolle Weise verschwinden oder zerstört werden“.

Die wilden Gärten

Bepflanzungen und Installationen im Rahmen des Urban Farming sind in den wilden Gärten geplant. Das Anpflanzen hat hier sowohl symbolischen Wert, wie auch tatsächlichen Nutzwert. Auf lange Sicht könnte sich hierbei das städtische Mikroklima verbessern, Stadtteile könnten entmüllt und mit verschiedensten Gewächsen bepflanzt werden.
Das Programm des Urban Farming wird im Rahmen des KÄIF-Projektes genutzt, um durch gemeinsame Gartenarbeit soziale Kontakte zwischen den Bewohnern zu knüpfen und um die Kommunikation zu fördern. Der kollektive Nutzpflanzenanbau fungiert hier sozusagen als eine Art sozialer Klebstoff.
Letztendlich soll das Projekt langfristig Teile der Nordstadt in kleine Oasen der Ruhe und Entspannung verwandeln.
An diesen Plätzen sollen sich Einwohner jeden Alters, aus verschiedenen Berufsgruppen, unabhängig von Geschlecht und Herkunft bei gemeinsamer Gartenarbeit begegnen und näher kommen. Dies stärkt den Zusammenhalt der Bewohner des Viertels und dient der Verständigung untereinander.
Als Kooperationspartner betreuen zudem die Lehrer und Schüler der Anne Frank Gesamtschule einzelne Module des Projektes. Die Schule selbst steht zusätzlich als ein räumlicher Punkt zur Verfügung. („Garten- und Anbauflächen auf dem Schulgelände“, „Medienfassade Urban Gardening“ auf dem Gebäude, „Projektwochen Urban Farming an der Schule“ u.ä.)

Der Stellenwert von Bioware, und außerdem auch jener von selbst angebautem Gemüse und Obst, wächst stetig. Somit steigt auch der Wunsch, selbst zu „gärtnern“ oder in unmittelbarer Nähe angebaute Nahrungsmittel zu erwerben. Dieser Aspekt des Projektes kann langfristig positive Auswirkungen haben (Selbst organisierte Lebensmittelversorgung). Jedoch steht dies hier an zweiter Stelle. An erster Stelle steht die Zusammenführung einer Gemeinschaft, welche aus unterschiedlichsten Individuen besteht. So soll das Gefühl von Nachbarschaft und Zusammengehörigkeit verstärkt werden. Folglich fungiert Gemüse hier als eine Art Medium für Szenografie und Kommunikation.
Es ist möglich, auf bestimmten Brachflächen biozertifiziertes Obst und Gemüse anzupflanzen. Zudem wirken Obstbäume und Gemüsebeete sich positiv auf das Stadtbild aus. Interesse und Verständnis von Natur und vom Anbau natürlicher Produkte werden gefördert.
Nicht gänzlich auszuschließen ist eine Wirtschaftsförderung vor Ort, selbstverständlich langfristig betrachtet. Und da der Transport von Lebensmitteln in die Stadt den größten Teil der Kohlendioxid-Emissionen verursacht, könnte sich der Obst- und Gemüseanbau direkt vor Ort auch positiv auf die Luftverhältnisse auswirken. Der Schwerpunkt des Projektes liegt vorerst auf dem Anbau von Obst und Gemüse. Als weitere Projektmodule bieten sich eventuell Zierpflanzenanbau und Tierhaltung an.


Das komplette "KÄIF" Konzept können Sie als PDF herunterladen.